Die Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher sowie das Verständnis für ihre Situation sind in den vergangenen Jahren in Deutschland stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt. Gleichzeitig mangelt es jedoch an theoretischen Ansätzen und Hilfestellungen, um Begabungen bereits bei Kindergarten- und Grundschulkindern zu erkennen und zu fördern. Ebenso wird der Bedarf an individuellen Fördermöglichkeiten und Beratung nur unzureichend abgedeckt.
Hochbegabung ist nicht mit Hochleistung zu verwechseln!
Als hochbegabt gelten Menschen, die in einem Intelligenztest einen IQ ab ca. 130 erreichen - dies entspricht einem Anteil von ca. 2 % der Bevölkerung.
Zu unterscheiden gilt es zwischen der allgemeinen, sogenannten Universalbegabung und der einseitigen Begabung oder dem Talent.
Während die Universalbegabung in mehreren Bereichen ausgeprägt ist und die eigentliche Hochbegabung ausmacht, bezieht sich die einseitige Begabung bzw. das Talent lediglich auf einen Begabungsbereich.
Hochbegabung ist eine Disposition und individuelles Fähigkeitspotenzial für herausragende Leistungen, die sich jedoch nicht automatisch entfalten und zu Spitzenleistungen führen. Damit dieses hohe kognitve Potenzial in besondere Leistungen / Höchstleistungen transformiert werden kann, bedarf es einer Zusammenwirkung sog. Moderatorvariablen (nicht-kognitiver Persönlichkeits- merkmale)
Festzuhalten bleibt dabei, dass Begabungsentfaltung nicht ausschließlich von der Ausprägung der Intelligenz abhängig ist! Die Begabungsentwicklung ist demnach als Interaktion (person-)interner Anlagefaktoren und externer Sozialisationsfaktoren zu verstehen.
Hochbegabung wird als sehr hohe Ausprägung der multiplen Intelligenz verstanden, also als besondere Fähigkeit
sich schnell und effektiv Wissen anzueignen
es in verschiedenen Bereichen und Situationen adäquat einzusetzen
die dabei gemachten Erfahrungen zu adaptieren und
die gewonnenen Erkenntnisse differenziert auf andere Situationen zu übertragen (vgl. Rost 2000)
Dabei spielen die große Breite, das hohe Niveau, die tiefe und schnelle Verarbeitung sowie die effektive Anwendung der Informationen und Erfahrungen eine wesentliche Rolle. Informationen werden nicht nur hocheffektiv reproduktiv, sondern auch produktiv kreativ ver- und erarbeitet. (vgl. Urban 2006)
Mit anderen Worten: Hochbegabte organisieren ihr Wissen sehr intelligent, weisen hohe metakognitive Kompetenzen (Erkennen von Strukturen) und hohe kreative Fähigkeiten (Problemlösungen) auf.
Sicherlich eine Frage, die sich vielen Eltern und Pädagogen stellt. Es gibt mehrere Indikatoren, die auf eine mögliche Hochbegabung schließen lassen:
hohe Sensibilität und Wahrnehmung
schnelle Auffassungsgabe, hohe Lerngeschwindigkeit und Kombinatorik
logisch-abstraktes, kreatives Denkpotenzial
hohe Denk-, Merk- und Problemlösungsfähigkeit
meist früher, differenzierter und weit entwickelter Sprachgebrauch
enormer Wille nach Selbstbestimmung und -organisation
Beschäftigung mit Sinnesfragen philosophischen Ursprungs (Leben, Tod, Krieg, Gerechtigkeit)
kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt und mit sich selbst
Neigung zum Perfektionismus, resultierend daraus - niedrige Frustrationsgrenze
ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
bevorzugter Austausch und Kontakt mit älteren Kindern und Erwachsenen
Meidung von Routineaufgaben und Wiederholungen (z.B. Hausaufgaben)
Die sog. "Checklisten" können den Blick öffnen und erste Hinweise auf eine besondere Begabung liefern, andererseits aber auch in die Irre führen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt in seiner Broschüre "Begabte Kinder finden und fördern" in den Fokus: "Es ist nicht ausreichend überprüft, ob die in der Liste aufgeführten Kriterien typisch für Hochbegabte sind. Außerdem sind die Kriterien so vage formuliert, dass sie oft auch nicht hochbegabten Kindern zuge- sprochen werden können" (BMBF 2003, 23).
Das Problem der Klischees ist der eingeschränkte Blick. Es bedarf in jedem Fall des Einblicks in die Lebensbiographie des Kindes und einer Bestandsaufnahme. Wir beraten Sie gerne und leiten im Bedarfsfall eine Testdiagnostik ein.
Es wird angenommen, dass die Entwicklung hoch begabter Kinder nicht synchron verläuft. Die intellektuelle und biologische Entwicklung eilt der emotionalen und motorischen oftmals voraus. Diese Asynchronie zwischen Umsetzungs- und Vorstellungsvermögen könnte eine mögliche Ursache für die Entstehung intra- und interindividueller Konflikte sein:
Beispielsweise hat ein hoch begabtes, 3jähriges Kind ein Objekt bereits so differenziert vor Augen wie ein wesentlich älteres Kind. Das Objekt kann es jedoch "nur" mit dem feinmotorischen Entwicklungsstand eines Dreijährigen zu Papier bringen. Das Kind ist frustriert, wertet sich ab. Oft ist das der Grund, warum viele besonders begabte Vorschulkinder das Malen und Zeichnen verweigern.
Hohe Erwartungshaltung der Umwelt auf allen Leistungsgebieten erzeugt beim Kind Druck und kann völlige Leistungsverweigerung zur Folge haben.
Unterschätzung des Potenzials kann beim Kind Symptome wie Aggressionen, Depressionen oder Rückzug auslösen.
Unterforderung kann zu erheblichen Spannungen im Elternhaus und in der Schule führen.
Das Kind unterliegt mit seiner intrapersonalen Beobachtung der Gefahr, inadäquate Bewertungen vorzunehmen, was zu Frustration und Verlust des Selbstwertgefühls führen kann.
Schulunlust, anregungsarme Umwelt, mangelnde Bildungsmöglichkeiten, psychische Probleme und Identitätsschwierigkeiten können Auslöser für eine Minderleistung (Underachievement) sein. Das Kind konstruiert Vermeidungs- strategien. Ein Teufelskreis entwickelt sich, der Erfolg verhindern oder sogar zum Versagen führen kann.
Hochbegabung wird als Hochleistung definiert
Divergenz zwischen Erwartung und Realität Das Kind erhofft beim Eintritt in die Schule den Gewinn neuer Erkenntnisse und Informationen, wird jedoch schnell frustriert, da diese Erwartungshaltung nicht mit dem Schulalltag übereinstimmt.
Divergenz zwischen Lernfähigkeit und vorgegebenem Lerntempo Das Kind muss sich einem Lerntempo anpassen, das nicht seinen kognitiven Fähigkeiten entspricht. Es muss warten und wiederholen, bis andere so weit sind. In der Summe stellt sich Langeweile und Schulfrust ein.
Divergenz zwischen Anstrengungsbereitschaft und Anforderung Das Kind erwartet herausfordernde Aufgaben, was jedoch mit den Lernvor- aussetzungen seiner Mitschüler kollidiert. Mangelnde Anstrengungs- und Lernbereitschaft, Demotivation, Unzufriedenheit, aggressives Verhalten können die Folgen sein.
Verständnis für die Individualität und "Andersartigkeit" des Kindes
Differenzierung im Unterricht
Ressourcenorientierte Grundhaltung zum differenzierten Umgang mit Heterogenität
Zugangsfindung zu vorhandenen Potenzialen
Akzeleration (beschleunigende, entwicklungsadäquate Maßnahmen/Angebote) wie z.B. Schulzeitverkürzung durch Überspringen von Klassen, vorzeitige Einschulung, Express-Klassen mit akzeleriertem Curriculum
Enrichment (methodisch-didaktisch angereicherte Maßnahmen/Lernangebote) wie z.B. Pull-out-Programme, Teilnahme am Unterricht höherer Klassen, Ressource-Room-Programme, spezielle Kurse oder Arbeitsgemeinschaften
Es gibt keinen Stereotyp "Hochbegabung"! Jeder begabte / hoch begabte Mensch ist einzigartig in seiner Persönlichkeit und seinen Bedürfnissen.
Die aussergewöhnliche Begabung ist ein Interaktionsprodukt und spielt in der Ent- stehungsdynamik von Entwicklungsproblemen in Wechselwirkung zwischen Kind und sozialer Umwelt eine wesentliche Rolle.
Häufige Vorurteile: "Wunderkind", arrogant, sozial inkompetent, nicht in die Gesell- schaft integrierbar, sind an der Oberfläche betrachtet und werden dem Betroffenen in keinster Weise gerecht.
Wissenschaftlich nachgewiesen ist übrigens, dass besonders begabte Menschen meistens über eine höhere, mindestens aber über eine gleich gut ausgeprägte soziale Kompetenz verfügen wie Normalbegabte. Es wäre sinnvoll und intelligent, diesen wertvollen Ressourcen Raum in gesellschaft- lichen Interaktionen zu lassen!
Aufschluss über eine besondere Begabung/Hochbegabung kann nur eine spezifische Testdiagnostik liefern.
Die psychologische Diagnostik umfasst weit mehr als eine Fixierung der Intelligenz. Sie liefert ein umfassendes Bild der Stärken und Schwächen des Kindes und identifiziert mögliche Probleme, die einer Verwirklichung des Potenzials im Wege stehen.
Diese Diagnostik sollte ausschließlich von spezialisierten Psychologen durchgeführt werden! Wir helfen Ihnen hier gerne weiter.